Seminar mit Uta Gräf in Müntschemier am 2. April 2016, von Karin Rohrer, für Pferdewoche

 

Ein ganz besonderer Seminarlehrgang

 

Auf den ersten Blick mögen hier zwei ganz und gar verschiedene Pferde-Welten aufeinanderprallen oder was könnten die klassische Dressur und Working Equitation gemeinsam haben? Uta Gräf und Stefan Schneider sind Pferdemenschen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und einem gemeinsamen Ziel: Feines Reiten auf motivierten Pferden. Am ersten grossen Seminarlehrgang dieser Art in der Schweiz boten ‘Uta Gräf & Friends‘ einen Einblick in ihre Philosophie von Pferde-Haltung und -Ausbildung.

 

(kr) Gespannt richteten die rund 300 Besucher ihr Augenmerk auf die Mitte der Reithalle im Pferdesport Center Etter in Müntschemier. Die international erfolgreiche Grand-Prix-Reiterin Uta Gräf betrat mit dem 12-jährigen Westfalenwallach ‘Lawrence‘ die geschmückte Reithalle und zeigte anschaulich, wie Trainingseinheiten bei ihr ablaufen, von einfachen Gangartenübergängen bis zu anspruchsvollen Lektionen. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, geschmeidig und elegant im Sattel, kommentierte die sympathische Reiterin via Headset-Mikrofon, worauf es ankommt und wie der Weg zum feinen Reiten aussehen kann. „Lawrence ist ein Musterschüler und damit er konzentriert bei der Arbeit ist, gestalte ich sein Training abwechslungsreich. Also wenn er denkt, ah jetzt kommt wieder eine Passage, verlange ich absichtlich etwas ganz Anderes von ihm, vielleicht Traversalen“, erklärte Uta Gräf ihre Vorgehensweise.

 

Sinnvolle Bodenarbeit

 

Ihr Ehemann, Stefan Schneider ist ein Befürworter von viel Schrittarbeit und demonstriert am langen Zügel den gymnastizierenden Wert dieser Arbeit am Boden. „Ich sehe das auch als Selbstkontrolle für den Reiter. Wird die Arbeit immer leichter, sind wir auf dem richtigen Weg“, meinte er, während Schimmel ‘Giselle‘ anmutig vor ihm herschritt. Auf einem Grossleinwand-Video konnten die Seminarteilnehmer verfolgen, wie Stefan Schneider zu Hause mit den Jungpferden so im Gelände unterwegs ist. Bereiterin Jaya Gutheil ritt ‘San Diamond‘ und Uta Gräf kommentierte verschiedene Punkte in der Ausbildung zum Dressurpferd. Mit Übungen für einen gelungenen Aussengalopp oder Tipps dazu, wenn ein Pferd zu Hektik neigt. Mit Zitaten wie „Gute Bodenarbeit ist Lebensverlängernd“, hatte der gebürtige Saarländer Stefan Schneider das Publikum schnell auf seiner Seite und mit viel Witz, jedoch auch dem nötigen Ernst, liess er die Zuschauer einen Blick auf seine Bodenarbeit gewähren. Hatte ‘San Diamond‘ ein paar Minuten zuvor noch hohe Lektionen unter dem Sattel gezeigt, bewies er nun beim Gang über Brücke oder Plane seine Gelassenheit.

 

Galoppwechsel auf den Punkt

 

Der Gentle Giant mit dem Luxus-Schritt. So beschreibt Uta Gräf den groß gewachsenen westfälischen Rappen ‘Deliano H‘, der seine Premiere feierte mit dem ersten Mitwirken in einem Seminar dieser Art. Der stattliche Wallach verfügt über eine ausgezeichnete Rittigkeit und vermochte unter Uta Gräf zu beeindrucken. „Der Ideen-Mix in diesem Seminar ist toll. Ich habe mir einiges gemerkt, was ich nun ausprobieren könnte“, erzählte die begeisterte Seminarbesucherin Florence Polyak in der Pause. Mit einem stimmigen Film gelang der stufenlose Übergang zum Reitweisenvergleich Classic – Working Equitation. Dass es sich lohnt, einen Blick über den Tellerrand zu werfen, bewiesen Uta Gräf, Stefan Schneider und Birte Ostwald mit viel Spass bei der Sache. Während Stefan Schneider die Arbeit in und an den verschiedenen Hindernissen zeigte, erklärte Uta Gräf, wie sie die Elemente Rückwärtstreten, Traversalen oder Pirouetten im Training aufnimmt. Auch beim Ringstechen liess die Dressurreiterin nichts anbrennen und das Trio demonstrierte sehr anschaulich die Parallelen der beiden unterschiedlichen Reitweisen.

 

Reiten mit Handicap

 

Für Dr. Angelika Traber ist Balance auf dem Pferd überlebenswichtig. Das veranschaulichte die Weltmeisterin und Para-Reiterin äusserst eindrücklich. Da sie ihr Pferd nicht mit Beinhilfen reiten kann, erläuterte sie dem interessierten Publikum, wie sie ihre Hilfen einsetzt, was alles möglich ist trotz ihrer Behinderung und wie sich das Reiten für sie anfühlt. Uta Gräf ist Landestrainerin für die Reiter mit Handicap in Rheinland-Pfalz und kommentierte am Boden die beachtliche Leistung der Reiterin mit Handicap. Einprägsam bewies Dr. Angelika Traber, wie minimal die Einwirkung des Reiters im Idealfall sein kann. Für dieses Seminar war das Team mit sieben Pferden aus Deutschland angereist. Leider war ‘Le Noir‘ nicht dabei, der gekörte Holsteiner Rapphengst, mit dem Uta Gräf eine ganz besondere Beziehung verbindet und der ihr über 60 Siege in Dressurprüfungen der schweren Klasse und dem Grand- Prix bescherte. Nach seiner Verabschiedung aus dem Dressursport steht der Schwarze nun im Deckeinsatz. Mit ‘Dandelion OLD‘ schwebte Uta Gräf zum krönenden Abschluss durch die Halle und beeindruckte mit hochstehenden Lektionen in einer bunten Kür. „Ich kam mit grossen Erwartungen nach Müntschemier und sie wurden voll und ganz erfüllt. Uta Gräf ist so authentisch, nie aufgesetzt und sie hat ein unglaubliches Händchen für Pferde. Der Dressursport braucht Leute wie sie“, betonte die begeisterte Nicole Seiler nach dem Seminar. Dem stimmte Nicole Plüss zu und brachte auf den Punkt, was mehrere Seminarbesucher bestätigten: „Diese absolute Leichtigkeit ist ein Vergnügen zum Anschauen und Uta Gräf vermittelt einfach gute Laune. Man sieht ihr zu und möchte einfach aufsteigen und losreiten“.

 

Als Organisator keine Mühen gescheut

 

Als Moderation führte Frederike Heidenhof wortgewandt und charmant durch das dreistündige Seminar. „Für uns war wichtig, dass Uta Gräf den Zuschauern hier erklären und vorzeigen kann, wie wichtig die einzelnen Komponenten in der Pferdeausbildung sind. Artgerechte Haltung und Fütterung, dem Pferd in seiner Entwicklung Zeit zu lassen sowie das Pferd auf feinste Hilfen zu konditionieren mittels der Lernpsychologie und Motivationslehre“, erklärte Gabriella Winistörfer von horsecoaching, welche zusammen mit Stefanie Schmitz das Seminar organisiert hat. Das Ziel, die Seminar-Teilnehmer darauf zu sensibilisieren war gesteckt und die beiden Initiantinnen hatten genau zwei Monate Zeit, diesen Event auf die Beine zu stellen. „Wir können uns mit der Philosophie von Uta Gräf und Stefan Schneider identifizieren und möchten aufzeigen, wie wichtig die Grundausbildung für ein Pferd ist. Unabhängig davon, in welcher Sparte das Jungpferd später einmal eingesetzt werden soll, beginnt die Ausbildung vom Boden aus. Für uns ist es auch wichtig, dass sich die Besitzer bewusster werden, welches die Grundbedürfnisse eines Pferdes sind“, ergänzte Stefanie Schmitz.