Distelfee


CH-Stute, geb. 2010

Besitzerin: S. Wiederkehr

 

Grundausbildung (4 Monate)


Distelfee kam bereits als „Problempferd“ zu uns in das Ausbildungszentrum. Ihr extremes Abwehrverhalten gegen den Menschen hat uns von der ersten Minute an sehr gefordert und wir waren bereits zu Beginn der Ausbildung sehr erschöpft, wir waren ständig damit beschäftigt auf der Hut zu sein. Sie kam blitzschnell und sehr zielsicher auf uns los, zudem schlug sie gezielt mit der Hinterhand gegen uns. Distelfee kam leicht angeritten zu uns und kannte bereits das Longieren sowie das Mitgehen als Handpferd. Der ganze Umgang mit ihr war nicht einfach. Sie liess sich kaum Putzen, sie wollte nicht ruhig Stehen und hatte panische Angst vor jedem Lebewesen mit 4 Beinen, besonders vor Kühen mit Glocken. Sie wurde sehr schnell kopflos und nicht mehr ansprechbar. Ihr Verhalten war desshalb so besonders, weil sie bei einem äusseren Reiz oder einer Gefahr nicht mit Flucht reagiert hat sondern sie ging auf uns los. Also von vorne und auf direktem Weg über uns hinweg und zwar nicht einmal sondern bis sie sich beruhigt hat und das auch im Gelände beim Spazieren. Druck in jeglicher Hinsicht war für sie wie rohe Gewalt. Sogar das Beisein anderer Pferde gab ihr keine Sicherheit. Auch der Weidegang war zu Beginn nicht möglich. Sie hat das grosse Metalltor einfach mitgerissen.

Untugenden, Widersetzlichkeit oder Unrittigkeit haben immer eine Ursache. Krankheiten, Zahn-, Gelenk- und Hufprobleme sowie Muskelverspannungen oder verschobene Wirbel wirken sich in verschiedenen Symptomen aus, die manchmal fälschlicherweise als Unarten interpretiert werden. Nicht optimal passende Sättel oder Trensen quittiert das Pferd oftmals mit Widersetzlichkeit. Hier gilt es zuerst die Ursache herauszufinden um gezielt an der aufgetretenen Problematik arbeiten zu können. Distelfee wurde vorgängig gründlich untersucht und es wurde nichts Entsprechendes festgestellt. Das Material, die Fütterung und Haltung waren in Ordnung. Unter- oder Überforderung sowie ein Dominanzproblem konnten wir anhand ihres Verhaltens auch ausschliessen.
Wir mussten also mit ihr nochmals beim Fohlen ABC beginnen und grundlege Punkte erarbeiten, damit sie uns überhaupt mal wahrnehmen und wir das Vertrauen aufbauen konnten. Sie musste lernen ruhig zu Stehen (Parkieren), sich am ganzen Körper anfassen zu lassen (TTouch), richtig geführt zu werden mit Individualdistanz, Bodenarbeit, Kuh-Desensibilisierung und schlussendlich das Laufen im Kreis.

Ein guter Pferdetrainer macht unserer Meinung nach so gezielte kleine Schritte, dass er nur mit positiven Verstärkern arbeiten kann, immer den richtigen Moment erkennt damit das Pferd nicht ein unerwünschtes Verhalten zeigt und nie in eine Stresssituation fällt. Gute Stimmung bei Trainer und Pferd bringt folglich Motivation und nachhaltigen Erfolg. Doch das war bei uns dreien nicht der Fall. Wir waren mit unserem Latein am Ende, wir konnten immer noch nicht ins Gelände, die Arbeit auf dem Viereck wurde langsam eintönig. Der Grad zwischen Unter- und Überforderung war sehr klein.

Drei Monate sind bereits vergangen. Einige Sachen sind mittlerweile zur Gewohnheit geworden, sie kam auch nicht mehr auf uns los aber sie hat u.a. immer noch in gewissen Situationen gezielt gegen uns gekickt. Etwas stimmte einfach nicht mit dieser Stute. Sie war auch Inn-sich-gekehrt und ihre Schulterstellung war zu eng für so ein junges Pferd. Wir haben eine sehr kompetente Tierhomöopathin hinzugezogen. Sie hat anhand der Anamnese festgestellt, dass diese plötzliche Verhaltensänderung nach der letzten Impfung im November 2013 aufgetreten ist. Distelfee bekam auf ihr Problem zugeschnitten ein flüssiges Globuli. Alle zwei Tage einen Tropf.
Bereits nach dem ersten Tropf – so unglaublich es klingen mag - war sie ein anderes Pferd.
Wir konnten in diesen 4 Wochen so mit ihr Arbeiten wie das normalerweise bei einem jungen Pferd, das noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hat und motiviert der Fall ist. Ihr Wesen hat sich verändert, ihr Ausdruck war klar und ihre Bewegungen waren flüssiger und sie hat vom ersten Tropf an nicht mehr gegen uns gekickt. Wir konnten sogar mit ihr Spazieren gehen und sie mit Sattel und Zaum longieren. Tja unglaublich aber wahr. Wir haben uns trotzdem entschieden, in Absprache mit der Besitzerin, dass Distelfee nach Hause geht. Sie soll nach dieser anstrengenden Zeit einfach wieder mal junges Pferd sein. Sie soll sich in der Herde austoben und mit ihren Freunden unbeschwert spielen können.

Wir werden dann die Ausbildung nach einigen Monaten bei ihr zu Hause wieder aufnehmen. Der Transport, die Ankunft und das Wiedersehen waren sehr entspannt. Wir freuen uns für Distelfee und wünschen ihr und der Besitzerin alles Gute.

Einmal mehr hat uns dies gezeigt dass Pferde ihre Gründe haben, weshalb sie uns Probleme bereiten. Pferde sind nunmal anders als wir und so drücken sie sich auch anders aus, wenn sie uns mitteilen wollen, dass wir etwas falsch machen oder etwas nicht übereinstimmt. Immer wieder missverstehen wir Hilferufe als Bosheit, Sturheit und Respektlosigkeit, weil wir das Verhalten des Pferdes nur aus unserer Sicht wahrnehmen. Wir sind froh dass Distelfee zu uns gekommen ist und wir dies erkannt haben.


Juni 2014



Distelfee macht grosse Fortschritte

Distelfee hat sich zu Hause gut eingelebt. Sie ist immer noch sehr ausgeglichen und motiviert. Die Besitzerin kann das Training gut umsetzen und hat ebenfalls Freude an der Arbeit. Distelfee wird 2-3 x in der Woche gearbeitet. Sie macht Bodenarbeit, sie geht als Handpferd mit und sie wird einige Runden im Schritt geritten. Sie wurde nochmals gründlich vom TA untersucht und der stellte einen Magnesium- und Zinkmangel fest. Der Magnesiummangel kann auch ein solches Abwehrverhalten auslösen wie wir es erlebt haben.

Wir sind sehr stolz auf diese tollen Fortschritte. Bravo weiter so!

Distelfee Ende September 2014